Hunderte Tote – Erschütternder Bericht aus Nicaragua

Info-Veranstaltung in der Stümpelschen Mühle in Paderborn.

Hunderte Tote, Tausende Verwundete und Zehntausende auf der Flucht – das waren die harten Fakten aus Nicaragua, die letzte Woche in der Stümpelschen Mühle zu hören waren. Berichtet wurden sie von Alejandra, einer jungen Frau aus dem kleinen mittelamerikanischen Land, die selber im Aufstand mitmacht und daher Verfolgung und Verhaftung fürchten muss.

39 Jahre nach dem Sieg der Revolution in Nicaragua, mit der 1979 der Diktator Somoza  vertrieben wurde, gibt es dort wieder einen Volksaufstand. Er richtet sich erneut gegen ein autoritäres Regime, das die Menschenwürde und demokratische Freiheiten mit Füßen tritt. Doch diesmal ist der Aufstand unbewaffnet und wendet sich gegen das Regime des einstigen Revolutions-kommandanten Daniel Ortega und seiner Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo, die beanspruchen, die sandinistische Revolution fortzuführen. Die Regierung Ortegas hat sich in den letzten 12 Jahren radikal von den Prinzipien der demokratischen Revolution zu einer Familiendiktatur entwickelt, über die es in der Bevölkerung schon lange brodelte. Mitte April waren dann drastische Rentenkürzungen der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Aufstände, die als Proteste von Alten und Studenten begannen, wurden seitdem von der Regierung auf blutigste Art und Weise beantwortet. Die bisherige Bilanz zählt 545 Tote, 4.533 Verwundete und 1.315 Verschwundene und Verhaftete. Viele davon sind Alejandra M. persönlich bekannt, der jungen Frau aus einer Landwirtschaftskooperative, die jetzt im Mühlencafè auf Einladung der Biohaus-Stiftung direkt aus Nicaragua berichtete. Es war ein bewegender und erschütternder Bericht, denn auch in der Stadt Estelí im Norden des kleinen mittelamerikanischen Landes wüteten Polizei, Paramilitärs und „sandinistische Horden“, wie Alejandra sie nennt, mit gezielten Todesschüssen und Verhaftungen. „Da konnten wir in der Zone Miraflor am Rande Estelís nicht tatenlos zusehen, sondern sind mit auf die Strasse gegangen“, berichtete Alejandra, deren vollständiger Name aus Schutzgründen nicht bekannt werden darf. Denn bei ihrer Rückreise in die Heimat besteht größte Gefahr, wenn Polizei und Staat bekannt wäre, daß sie in Europa die „Wahrheit über die Gräueltaten der Regierung“ verbreitet hat. Verhaftung und Folter drohten ihr, so wie mittlerweile 40.000, die deswegen bereits aus dem Land geflohen sind. „Aber wir können nicht schweigen“, bekennt die dynamische junge Frau, „und wir brauchen die Weltöffentlichkeit, um Druck zu machen, damit das Morden aufhört“. So dankte sie der Biohaus-Stiftung und dem Welthaus Bielefeld, das sie eingeladen hatte, sowie dem zahlreich erschienenen Publikum im Mühlencafé für ihr Interesse. „Bitte tragt diese Informationen weiter“, so ihr dringender Wunsch. „Daß Ihr hier seid, um mir zuzuhören, ist ein großes Geschenk für mich und unser Volk“.

Alejandra arbeitet in der Verwaltung der Kooperative Miraflor im Gebiet der Stadt Estelí, in der die Biohaus-Stiftung in den letzten Jahren ein großes Solarprojekt durchgeführt hat. Das Koordinations-Büro der europäischen Partnerstädte in Estelí, das das Projekt damals koordiniert hatte, musste wegen akuter Gefährdung geschlossen werden, die Vernetzungs-Arbeit mit dem Ausland wird von der Regierung mit allen Mitteln beobachtet. „Etliche  Aktivisten der Aufstände haben schon zu Dutzenden Todesdrohungen bekommen, sie verstecken sich in „sicheren Häusern“ oder sind ins Ausland geflohen“, so Alejandra, „auch ich habe schon anonyme Drohungen erhalten. Mein ältester Sohn musste die Uni deswegen verlassen, mein jüngster hatte mit anderen Kindern Aufstand gespielt, was mir angekreidet wird“. Denn auf dem Höhepunkt der Aufstände hat die Regierung ein „Anti-Terror-Gesetz“ erlassen, das jede kritische Aktivität oder Äusserung als staatsfeindliche Handlung mit langjähriger Haft bedroht.

„Blau-weiss sind die Farben unserer Nationalflagge“, berichtete Alejandra, „und  das Tragen von blau-weissen Tüchern gilt schon als aufständischer Akt. Es sind sogar schon Leute verhaftet worden, die blaue und weisse Luftballons verteilt haben.“ Um sich also zu schützen, trat sie nur unter ihrem Vornamen auf und bat die Anwesenden, keine Fotos zu machen oder gar ins Internet zu stellen. „Denn der Staatsschutz kontrolliert alle Medien“, weiss sie, „und so könnte ich noch am Flughafen abgegriffen werden. Aber trotzdem zieht es die mutige Frau zurück nach Hause. „Meine Familie, meine Nachbarn und Freunde brauchen mich“, sagt sie, „und wir müssen mit langem Atem und viel Kreativität weiter machen, damit unser Volk seine Freiheit zurück erhält.“ Und dass dieser Prozess vom Ausland beobachtet und unterstützt werde, wünscht sie sich sehlichst. „Ich hoffe, daß dies gelingt und wir uns irgendwann wohlbehalten und in besseren Zeiten wiedersehen“,  war denn auch ihr Abschiedsgruß an ihre sichtlich bewegten Zuhörer.